Kitgum – Versöhnung im Zentrum des Schreckens – Reconciliation at the centre of terror

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Kitgum ist eine ruhige und entspannte Kleinstadt im Norden Ugandas und wäre mit seinen etwa 45.000 Einwohnern kaum erwähnenswert, würde es sich bei der Stadt nicht auch um das langjährige Machtzentrum Joseph Konys und seiner Lord´s Resistance Army (LRA) handeln. Von hier aus überzogen die pseudo-religiös fanatisierten Schlächter zwei Jahrzehnte lang den gesamten Norden mit blankem Grauen.

Als Yoweri Museveni Anfang der 80er Jahre nach der Macht griff, um das von Idi Amin und Milton Obote geschundene Land zu stabilisieren, regte sich im Norden Widerstand. Immerhin stammten beide Tyrannen von dort. Nach Idi Amins innen- wie außenpolitischen Amoklauf hatte Tansania eine Übergangsregierung im Nachbarland installiert, die letztendlich die (vermutlich gefälschte) Wahl organisierte, die 1980 zur erneuten Machtübernahme Milton Obotes führte.

Gegen dessen vom Militär gestütztes Regime führte Museveni mit der National Resistance Army (NRA) vom Süden aus einen Guerillakrieg. Obote reagierte darauf mit eiserner Hand, was zur Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen führte – etwa eine halbe Million Opfer sollten es am Ende sein. Aber es waren Stammesrivalitäten innerhalb der Armee, die im Juli 1985 im Einmarsch in Kampala sowie der Vertreibung Obotes mündeten. Milton Obote starb 2005 in Sambia. Bis heute genießt er in Teilen des Nordens ein gewisses Ansehen.

Die Regierung wurde durch einen Militärrat unter Führung von General Tito Okello, einem Acholi aus dem Norden, ersetzt, was der aus dem Süden agierenden NRA natürlich nicht gefallen konnte. Yoweri Museveni wurde zwar zu dessen Vize ernannt, was aber nichts am Fortgang der Geschichte ändern konnte. Die NRA nahm nach erbitterten Auseinandersetzungen 1986 Kampala ein, und Museveni wurde als Präsident vereidigt. Das ist er auch heute noch, mehr als drei Jahrzehnte später, und Uganda gilt auch den Ugandern und ihren Politikern selbst als eines der korruptesten Länder der Welt. Andererseits ist Uganda heute ein friedliches Land, was angesichts seiner Vergangenheit als ein erster Schritt in die richtige Richtung gesehen werden kann.

Mit Musevenis Machtübernahme beginnt eine bizarre Geschichte, die zum Lachen sein könnte, wäre sie nicht mit dem Tod Abertausender und Gräueltaten, die in der Geschichte ihresgleichen suchen, verbunden. Es begann alles mit Alice Auma, einer geschiedenen Acholi, die in Pakwach lebte und daran glaubte, dass der Geist eines italienischen Soldaten namens Lakwena in sie gefahren sei, weshalb sie sich Alice Lakwena nannte.

In Gulu war Alice auf General Tito Okello getroffen und hatte, schwer beeindruckt vom Kampf der Acholi in der Armee, begonnen, als Heilerin verletzter Soldaten zu arbeiten. Als Museveni an die Macht kam, rekrutierte sie ehemalige Soldaten für ihre Holy Spirit Mobile Forces (HSMF). Die kämpften, präpariert mit bizarren, pseudo-religiösen Geboten, die sich zum Teil an den biblischen, zum Teil am Wahnsinn orientierten („Du sollst nicht mehr als zwei Hoden haben“!!!), gegen die NRA, bevor sie bei Jinja entscheidend geschlagen wurden. Alice Lakwena floh nach Kenia, wo sie 2007 starb.

National Memory and Peace Documentation Centre, Kitgum

Ihr Vater Severino Lukoya, ein weiterer Gestörter, auf den der Geist von Lakwena übergegangen sein soll, führte das spirituelle Erbe fort und wurde nach einem Überfall auf Kitgum 1988 von einem Offizier der Uganda People´s Democratic Army (UPDA), der zuvor aus den HSMF desertiert war, mit schlagkräftigen Argumenten gebeten, mit dem Gequatsche von Geistern gefälligst aufzuhören. Der Offizier war Joseph Kony, und er behauptete später, vom selben Geist (unter anderen) wie Alice Lakwena besessen zu sein. Ihm sei befohlen worden, die Ugandan People´s Democratic Christian Army zu gründen, die wir heute unter dem Namen Lord´s Resistance Army kennen. Zur spirituellen Erbauung seiner Kämpfer griff Kony auf dieselben irren Regeln wie Alice Lakwena zurück, würzte diese noch mit ein paar muslimischen Ritualen und richtete alles auf Vergewaltigung, Folter und Mord aus. Sein Einflussbereich beschränkte sich allerdings auf den zentralen Norden, weshalb die LRA sich schnell darauf konzentrierte, in bestialischen Attacken die eigenen Leute in ihren Dörfern abzuschlachten.

Anfang des neuen Jahrtausends beendete die sudanesische Regierung ihre Unterstützung der LRA und erlaubte ugandischen Einheiten deren Verfolgung bis in den Sudan hinein. Aus Rache für die ugandische Unterstützung der südsudanesischen Unabhängigkeitsbewegung hatte die sudanesische Regierung den Schlächtern der LRA über viele Jahre Unterschlupf und Unterstützung gewährt. Mit dem Friedensvertrag zwischen der sudanesischen Regierung und den südsudanesischen Freiheitskämpfern 2005 wurde die Luft für Kony & Co. dann richtig dünn.

National Memory and Peace Documentation Centre, Kitgum

2006 zog sich die LRA schließlich endgültig aus Uganda und dem Sudan zurück und suchte erst einmal Unterschlupf im Garamba Nationalpark in der DR Kongo. Es gab Friedensabkommen, zu deren Unterzeichnung Joseph Kony nicht erschien. Es gab Amnestien für rückkehrwillige Kämpfer, die von etwa 3.000 in Anspruch genommen wurden. Und es gab die großangelegte, internationale Jagd auf Kony unter Beteiligung der USA. Heute befinden sich Kony und seine letzten Anhänger irgendwo im Dschungel der Zentralafrikanischen Republik, nachdem sie auch dort und in der DR Kongo blutige Spuren ihres Treibens hinterlassen haben.

In Kitgum widmet sich inzwischen Komakech Deo vom Refugee Law Project der Makerere Universität Kampala mit dem National Memory and Peace Documentation Centre (NMPDC) der Aufarbeitung und Dokumentation der schrecklichen Vergangenheit. Eigentlich aber geht es um Versöhnung, um Gerechtigkeit und um ein menschenwürdiges Leben für die Opfer, die bis heute unter ihren mannigfaltigen Verletzungen leiden.

National Memory and Peace Documentation Centre, Kitgum

Mit dem NMPDC hat es sich Komakech Deo, der selbst aus Kitgum stammt und in der Familie unmittelbar vom Grauen der LRA-Zeit betroffen ist, zur Aufgabe gemacht, eine Anlaufstelle für Opfer zu bieten, die über das Erlebte sprechen wollen, die Hilfe brauchen und vom Staat bisher alleingelassen wurden. Die Zeugnisse und Kunstwerke im NMPDC sollen der aktiven Bewahrung der Erinnerung dienen. Sein Vorbild sei, so Komakech Deo, der Umgang Deutschlands mit seiner Vergangenheit und dem Holocaust!

National Memory and Peace Documentation Centre, Kitgum

Kitgum is a calm and relaxed town at the centre of northern Uganda, and it wouldn´t be worth mentioning, if Kitgum and it´s 45.000 inhabitants had not been the centre of power of Joseph Kony and his Lord´s Resistance Army (LRA) for years. That was from where the pseudo-religious, fanaticised butchers covered the north with sheer terror for two long decades.

National Memory and Peace Documentation Centre, Kitgum

When in the early 80s Yoweri Museveni made a bid for power to stabilize the country that had been devastated by the regimes of Idi Amin and Milton Obote, there was strong resistance in the north. Nevertheless, both oppressors originated from the north. After Idi Amin’s domestic as well as foreign policy rampage, Tanzania had installed an interim government which organized the (most likely fraudulent) election that led to a de novo seizure of power by Milton Obote in 1980.

Therefore, the south-based National Resistance Army (NRA) of Yoweri Museveni started a guerrilla war against Obote’s army-backed regime, and the new, old president reacted with an iron fist. That led to the liquidation of whole communities and in the end, the number of victims added up to half a million people. Ironically, it has been tribal conflicts within the army that led to the invasion of Kampala and the displacement of Milton Obote in 1985. In 2005, Milton Obote died in his exile in Zambia. Down to the present day, he is still held in high esteem in some parts of the north.

National Memory and Peace Documentation Centre, Kitgum

The government was replaced by a military council headed by General Tito Okello, an Acholi from the north, what was deeply disliked by south-based NRA. Not even the nomination of Yoweri Museveni as the deputy could change the further course of history. After relentless armed conflicts, the NRA seized Kampala in 1986, and Yoweri Museveni was sworn in as a president. He still is, over more than three decades later, and even Ugandans and their politicians claim their country to be one of the most corrupt on earth. But then again Uganda is a peaceful country nowadays, and when looking at it´s more recent past, this must be considered a step forward.

Museveni´s seizure of power was the beginning of a story that could be ridiculous if it wasn´t attached to the deaths of thousands as well as unprecedented atrocities. It all started with Alice Auma, a divorced Acholi living in Pakwach and thinking that she had been possessed by the spirit of an Italian soldier named Lakwena. So, she changed her name to Alice Lakwena.

National Memory and Peace Documentation Centre, Kitgum

In Gulu, Alice met General Tito Okello and, deeply impressed by the fray of the Acholi, started working as a spiritual healer of the wounded. When Museveni took over, she began to recruit former soldiers for her Holy Spirit Mobile Forces (HSMF). Equipped with bizarre, pseudo-religious commandments following either the Christian commandments from the bible or down-to-earth madness (“Thou shalt have two testicles, neither more nor less!”), they fought the NRA until their final defeat at Jinja. Alice Lakwena fled to Kenya, where she died in 2007.

Her father Severino Lukoya, another lunatic, claimed that Lakwena´s spirit had passed over on him and so, he took over her legacy before he got beaten up by an officer of the Uganda People´s Democratic Army (UPDA) after an attack on Kitgum in 1988. That officer had deserted from the HSMF, and he told Lukoya to stop his babbling about spirits. The officer´s name was Joseph Kony and later, he claimed to be possessed by the same spirit (among others) as Alice Lakwena. He said he was told to form the Ugandan People´s Democratic Christian Army, which we know today as the Lord´s Resistance Army.

National Memory and Peace Documentation Centre, Kitgum

For the sake of the spiritual edification of the soldiers, Kony used the same sicko commandments as Alice Lakwena did, spiced up with a few Muslim rituals – strictly rape, torture and homicide oriented. His sphere of influence has been primarily limited to the central north, so the LRA quickly put its mind to brutal attacks on their own people in the villages of the north.

At the beginning of the new millennium, the Sudanese government quit supporting the LRA and allowed Ugandan forces to continue the chase for Kony on Sudanese territory. In revenge for Uganda’s support of the South Sudanese independence movement, the Sudanese government had backed the butchers of the LRA with shelter and support for many years. The signing of a peace treaty in 2005 by the Sudanese government with South Sudanese independence fighters eventually put an end to Sudanese hospitality to the LRA.

National Memory and Peace Documentation Centre, Kitgum

In 2006, the LRA finally withdrew from Uganda as well as Sudan and moved to Garamba National Park in the DR Congo. There was a peace treaty, but Joseph Kony failed to show up for signing. There is an amnesty for fighters willing to return to their homes and the Acholi society, but only 3.000 took this opportunity. And there was an international (including U.S. forces), large-scale hunt for Joseph Kony, but he still remains in freedom. Today, Joseph Kony and his last adherents are hiding somewhere in the jungle of the Central African Republic after having spread bloodshed everywhere they had gone.

In Kitgum, Komakech Deo of the Refugee Law Project of Makerere University in Kampala has created the National Memory and Peace Documentation Centre (NMPDC) to process and record the dreadful past. But it is really all about reconciliation, about justice and the victim´s dignity, for the sake of the people still suffering from the multiple physical and psychological injuries. According to Kitgum-born Komakech Deo who was directly affected by the horror of the LRA time, the NMPDC is supposed to be a contact point for the victims to talk about what happened to them or to support those people who had been neglected by the government thus far, and the testimonies and artefacts can help preserve the memories. He used Germany´s way of dealing with its past as a role model, Komakech Deo told us.

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