Uganda

d/e Das Scheitern in den Genen – Another one down the drain

2012 bereisten wir Uganda, von Winston Churchill als „Perle Afrikas“ bezeichnet, zum ersten Mal. Für mich persönlich ist es die erste Afrikareise gewesen, und Uganda hatten wir uns ausgesucht wegen Joseph Kony, der LRA (Lord´s Resistance Army) und der Idioten von „Invisible Children“. Deren Kampagne zur Ergreifung Joseph Konys, eines kranken Stück Viehs, das verantwortlich ist für Abartigkeiten, für die man alle Splatterfilm-Drehbuchautoren gemeinsam jahrelang in einen Raum sperren müsste, war gut gemeint. Aber wie so oft wurde auch in diesem Fall von den Gutmeinenden vergessen, das Ding zwischen ihren Ohren einzuschalten.
Im Rahmen der Kampagne zeigte ein typisch US-amerikanisch Tränendrüsen-drückender Film das verheerende Chaos im Lande, erzählte von Kindersoldaten, Sexsklaven und Grausamkeiten. Allerdings herrschte 2012 bereits sechs Jahre Frieden in der Region. Joseph Kony und seine bestialische Gefolgschaft waren längst (2006) aus dem Land vertrieben worden und suchten vor der Verfolgung mal im Garamba Nationalpark im Nordosten der DR Kongo, mal in Darfur im Sudan, mal im zentralafrikanischen Dschungel Zuflucht.
Im Norden Ugandas versuchten die Menschen 2012, zu irgendeiner Form von Alltag zurückzukehren, abzuschließen mit den Kriegen der Vergangenheit und die Wunden heilen zu lassen. In wirtschaftlicher Hinsicht lagen damals große Hoffnungen auf der Entwicklung des Tourismus in der Region, denn von dem profitierten die Menschen im Süden und Westen des Landes, am berühmten Queen Elizabeth Nationalpark, an den Rwenzoris sowie an den Berggorilla-Parks ja auch. Da war die Verbreitung eines Films, der Uganda als eine Art afrikanische Vorhölle darstellte, natürlich eher kontraproduktiv und die Reaktionen bei Vorführungen des Films im Norden Ugandas, etwa in Gulu, verständlicherweise angemessen entsetzt, empört und schlicht stinksauer.
Auf der Suche nach einem afrikanischen Reiseziel beschlossen wir also, entgegen der damals verbreiteten Klischees und falschen Fakten die „Perle Afrikas“ zu bereisen und unser Geld dort zu lassen. Wir bereisten Süden und Westen des Landes, währenddessen die Idee entstand, das Land und die Region Ostafrika zu dokumentieren, wie sie sich uns auf unseren Reisen präsentieren – fernab von den konträren, aber gleichzeitig existierenden Klischees des Savannen-Paradieses mit Löwen, Gnus und Giraffen im Licht einer riesigen untergehenden Sonne sowie der Gewalt- und Hungerhölle mit verhungernden Kindern und finsteren Schlächtern mit Macheten.
Schließlich näherten wir uns dem Norden an. Eigentlich war schon damals ein Besuch von Gulu eingeplant, aber dazu kam es aus zeitlichen Gründen nicht mehr. Vom Bereisen der Nordostprovinz Karamoja wurde aus Sicherheitsgründen noch abgeraten, also drehten wir bloß eine „kleine Runde“ in Bussen nördlich des Kyoga-Sees entlang und in den Osten zum Mount Elgon. Ein echtes Bereisen des Nordens fiel unserem damaligen Wissensstand folgend aus.
In diesem Jahr sind wir endlich zurückgekehrt und haben in erster Linie den Norden bereist. Wir hatten viel Gelegenheit, mit den Menschen zu sprechen, über ihr Land, ihre Perspektiven und Hoffnungen. Wir trafen die stolzen Karamojong, die ihre Waffen hatten abgeben müssen und sich nun Fremden gegenüber öffnen und selbstbewusst Einblick in ihre einzigartige Kultur geben. Zehntausende Waffen aus einem ehemaligen Waffendepot Idi Amins, gegenseitiger Viehdiebstahl und die stets darauf folgende Rache hatten die Provinz über lange Jahre zum gefährlichsten Pflaster in ganz Ostafrika gemacht, doch heute ist Versöhnung das Hauptthema der Karamojong. Freundlichkeit und Gastfreundschaft sind überwältigend und die Reserviertheit gegenüber westlicher (Un-)Kultur geradezu wohltuend. Wir trafen dort aber auch auf die Ureinwohner jener Region, die ihr kärgliches Dasein an den steilen Hängen entlegener Bergzüge fristen, von ihrem angestammten Land vertrieben – von den Karamojong, als diese im 16. und 17. Jahrhundert als Jie, ein abessinisches Hirtenvolk, aus Äthiopien Richtung Süden gewandert waren.
Wir trafen Unternehmer und Hirten, Gartenbauer und Fischer, Schneider und Frisöre im Norden – aus völlig verschiedenen Regionen und Kulturen. Drei Dinge aber waren allen gemein: Freundlichkeit, Offenheit und die Ahnung (vielfach sogar Gewissheit), dass nur Gewalt an den bestehenden Umständen etwas ändern kann.
Denn der Norden Ugandas gehört zu den unzähligen Beispielen, welche Gewalt den Menschen durch die kolonialen Grenzziehungen angetan wurde. Die Nordprovinzen gehörten nicht zum Uganda-Protektorat unter britischer Verwaltung und wurden diesem erst Anfang des 20. Jahrhunderts hinzugefügt. Letzte Provinz, die zur Vervollständigung des heutigen Uganda führte, war die Westnilprovinz, die bis 1910 an Belgien vermietet gewesen war und danach unter sudanesischer Verwaltung gestanden hatte. Sie wurde 1914 Teil der unbekannten ugandischen Familie, die in Gestalt des Buganda-Königreiches (Zentral-Uganda) innerhalb des kolonialen „Systems Uganda“ organisiert wurde.
Der Norden war eine verlässliche Quelle für billige Arbeitskräfte und Soldaten, so lange man ihn unterentwickelt und arm hielt. Simpel, effektiv und ganz dem Denken des Sklavenhalters verpflichtet! Die Spaltung der Bevölkerung war und ist bis heute ein einfaches Instrument zur Kontrolle, wie in Ruanda, bis alles in die Luft fliegt – wie in Ruanda.
Bemerkenswert ist, dass sowohl Milton Obote, der erste Präsident Ugandas, als auch der zweite, Idi Amin, beide aus der Region nördlich des Nils stammten. Nicht dass das grundlegend etwas am Status des Nordens geändert hätte, wenngleich Obote dort in mancher Region immer noch beliebt ist. Amin weniger. Nach dessen vollständigem Festplattenabsturz übernahm Obote wieder die Kontrolle, und da begannen einige Menschen, darüber nachzudenken, wie es wäre, die Zeiten von Gewaltherrschaften mal hinter sich zu lassen, unter anderem Yoweri Museveni.
Unter ihm traten ethnische und religiöse Spaltungen ein wenig in den Hintergrund, die Wirtschaft konnte sich erholen, er ermutigte die unter Amin aus dem Land gejagten Asiaten zur Rückkehr, stärkte das öffentliche Recht und die Pressefreiheit und bekam dafür einen weiteren durchgeknallten Schlächter aus dem Norden.
Joseph Kony folgte demselben religiösen Schwachsinn wie Alice Lakwena, eine weitere zwielichtige bis schlicht wahnsinnige Figur nördlichen Widerstands gegen die Herrschaft der Baganda. Sie behauptete, der Geist eines italienischen Soldaten sei in sie gefahren und scharte eine Armee Gläubiger um sich, die bereit waren, sich unbewaffnet ins Verderben schicken zu lassen für ein verqueres Weltbild voll pseudo-christlicher Regeln. Damit sind auch bereits Joseph Kony und seine LRA hinreichend beschrieben. Der einzige Unterschied: Sie haben Waffen!
Und die nutzten und nutzen sie exzessiv, in Uganda erstaunlicherweise wieder am heftigsten gegen die Bevölkerung des Nordens selbst, die sie eigentlich zu befreien vorgaben. Die Spur ihrer Schlachterei ist beinahe unerträglich und zieht sich durch mindestens vier Länder. Zur Zeit sind Kony und die letzten Versprengten irgendwo im zentralafrikanischen Urwald untergetaucht.
Museveni reagierte auf den Krieg im Norden, der von 1987 bis 2006 dauerte, mit harter Hand, wachsender Paranoia und dem Umstand, dass die Region weiter unterentwickelt blieb. Heute bereitet er seine Präsidentschaft auf Lebenszeit vor, verhaftet Oppositionelle, erlässt/erlaubt frauenfeindliche, sexistische und rassistische Gesetze und unterdrückt Politik und Politiker, die aus dem Norden kommen.
So lässt sich auch in Uganda ein roter Faden direkt aus der Kolonialzeit bis in die Gegenwart entdecken. Dieser rote Faden könnte eine Lunte sein; an einer Seite zumindest hängt ein Pulverfass. Drei Gärtner, die sich in Pakwach in der Westnilprovinz um die Außenanlagen zahlreicher Hotels, Gästehäuser und sonstiger Anlagen kümmern, antworteten auf die Frage, was denn Veränderung bringen könnte: „A Riot – war!“ Eine exemplarische Antwort, wie wir auf unserer zweiten Reise durch Uganda feststellten.

In 2012 we travelled through Uganda for the first time, Winston Churchills so-called „Pearl of Africa“. For me personally, this has been my first travel in Africa, and we only picked Uganda because of Joseph Kony, the LRA (Lord´s Resistance Army) and those complete morons from “Invisible Children”. That campaign was well-meaning and aimed at capturing Joseph Kony, a degenerated brute being responsible for all kinds of perversions you would need all the world´s splatter film screenwriters confined together in a room to make up. But as is so often the case, the well-meaning people forgot to switch on that thing between their ears.
Within the scope of this campaign a typical US-American movie is telling of devastating chaos throughout the country, child soldiers, sex slaves and atrocities – just to get the tears flowing. However, back then Joseph Kony and his beastly creatures had long been chased out of the country (2006), because of international pursuit seeking refuge in Garamba National Park in north-eastern DR Congo, in Darfur in Sudan as well as in the Central-African jungle.
In 2012 the people of northern Uganda tried to return to normality as quickly as possible, to put an end to the wars of the past and let the wounds heal. Economically, high hopes rested on the development of tourism in the region, because people in southern and western Uganda already benefited from neighbouring parks like Queen Elizabeth National Park, Rwenzori mountains and the mountain gorilla parks. The spread of a movie stigmatising Uganda as an African limbo was somehow adverse, and the reactions to the public screening of the movie in northern Uganda, e.g. in Gulu, had been, understandably enough, reasonably shocked, outraged and simply pissed.
In search of a travel destination we decided to travel the “Pearl of Africa” and leave our money there – contrary to popular stereotypes and false facts. We travelled south and west of the country, while the idea was born to document the country and the whole region of Eastern Africa the way it presented itself on our journeys – without confirming the stereotypes of a savanna paradise with lions, wildebeests and giraffes wandering through the red light of a giant setting sun as well as a hell of violence and famine with starving children and grim slaughterers with machetes.
In the end, we finally came closer to the north. We had already planned to visit Gulu, but that wasn´t possible for reasons of time. In addition, for safety reasons it was advised not to travel through the north-eastern province of Karamoja, so at least we completed a small round in busses north of Lake Kyoga and on to Mount Elgon in the east. According to the state of our knowledge back then, the real tour through the north had to be postponed.
This year we finally managed to return and made up for the tour through the north. We had ample opportunity to talk to the people about their country, perspectives and hopes. We met proud Karamojong who had to return their guns in the recent years and are now on the verge of opening, confidently giving insights in their unique culture. Tens of thousands of guns from Idi Amin’s arsenal, mutual cattle rustling and, therefore, revenge for the rustling had made the province one of the most dangerous places in the region of Eastern Africa, but today, the main topic of the Karamojong people is reconciliation. Their kindness and hospitality are overwhelming, and acting reserved towards western (lack of) culture feels quite pleasant. We also met the native people of that area, eking out a wretched existence on the steep slopes of remote mountain ranges, expelled from their ancestral land by the Karamojong. They had migrated from Ethiopia during the 16th and 17th century, back then still being an Abyssinian pastoralist tribe called Jie.
In the north, we met entrepreneurs and pastoralists, horticulturists and fishermen, tailors and hairdressers of different origins and cultures. But there were three things they all had in common: kindness, openness and the vague notion (and often certainty) that only with violence it is possible to change the circumstances prevailing.
Northern Uganda is one of the numerous examples, what an act of violence is committed against the locals by the colonial fixing of boundaries. The northern provinces did not belong to the Ugandan protectorate under British rule in the first place; they were only added at the beginning of the 20th century. To complete modern day Uganda, the last province to be added has been West Nile, which had been leased to the Belgian Congo until 1910 before being placed under the administration of the Sudan. It wasn´t until 1914 that West Nile became part of the unknown Ugandan family, organised within the colonial “system of Uganda” in form of the Buganda kingdom (central Uganda).
The north has always been a reliable source for labour force and soldiers, as long it was kept under-developed and poor. Simple, effective and completely engaged in a slaveholder´s thinking! Splitting the population was and still is a simple tool to control, just like in Rwanda. Until everything blows into pieces, just like in Rwanda!
Remarkable enough, both Milton Obote, the first President of Uganda, as well as the second, Idi Amin, had been born north of the Nile. Not that this fact would have brought the province some fundamental changes or a turn to the better, although Obote being quite popular around some villages and towns. Amin is not. It was after his universal hard drive crash that Obote had taken over again, and it was then when the people started to think how it would be like to leave the past of slaughtering behind – among them Yoweri Museveni.
Under his rule, ethnic and religious division are declining, the economy was able to recoup, he encouraged the Asians, who had got driven out of the country under Idi Amin, to come back, he reinforced public law as well as freedom of press, and what he got in exchange therefor was another wacky maniac from the north.
Joseph Kony followed the same religious bollocks as Alice Lakwena did, another dodgy to plain insane character of northern resistance against the Baganda domination. She alleged that she had been possessed by the spirit of an Italian soldier by the name of Lakwena, and then she recruited an army of believers who were fine with being slaughtered unarmed for an awry conception of the world full of pseudo-Christian rules. That does apply equally to Joseph Kony and his LRA! With one difference: They got guns!
And they used to use them excessively. Astonishingly, in Uganda again most heavily against the people of the north, who they allegedly tried to liberate. The trail of bloodshed and slaughter is hard to stand and can be found throughout four countries up to now. Currently Joseph Kony and the last scattered have gone underground somewhere in the jungle of the Central African Republic.
To the war in the north that took from 1987 to 2006 Museveni responded with an iron fist, a growing paranoia and the fact that the northern region remained under-developed. Currently he is busy arranging his presidency for life, arresting members of the opposition, passing anti-women, sexist and racist laws and suppressing politics and politicians coming from the north.
In Uganda too, one can follow a thread that originates from colonial times. It might be a fuse; at least on one side, there is a powder keg attached to it. Three gardeners taking care of compounds of several hotels and guest houses and other facilities in Pakwach, West Nile, answered our question, what it could be that could generate a change: „A Riot – war!“ An exemplary answer as we discovered on our second journey through Uganda.

Advertisements

2 Kommentare zu “Uganda

  1. CarMac sagt:

    Wonderful place.

  2. afrikafrau sagt:

    vielen Dank für den Hintergrundbericht, entsetzliche Spuren, die von den Kolonialmächten hinterlassen wurden. Scherer Schatten der Vergangenheit …..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s