Lalibela

Es war das historische Dorf Roha, abgelegen auf 2630 m Höhe im Hochland von Lasta mit dem 4190 m hohen Abuna Yosef im Rücken, das sich nach einem Machtwechsel am Ende der aksumitischen Herrschaft König Lalibela für den Bau der heute weltberühmten Felsenkirchen aussuchte. Die Dynastie der kuschitisch sprechenden Agaw regierte von Anfang des 10. bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts hinein, die Kirchen wurden im 12. und 13. Jahrhundert erbaut. In der Folge wurde das Dorf Roha nach dem mutmaßlichen Erbauer Lalibela umbenannt. Knapp 20.000 Einwohner hat die Kleinstadt Lalibela heute, denn natürlich folgen viele Menschen – darunter besonders junge Menschen vom Land – dem Lockruf der Lohnarbeit in der Tourismusbranche und verlassen ihre Dörfer, um in Lalibela ihr Glück zu versuchen.

Seit 1978 stehen die Felsenkirchen von Lalibela auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO, die auch gemeinsam mit der Europäischen Union die Schutz- und Restaurationsprojekte zum Erhalt der Kirchen finanziert. Teil der Schutzmaßnahmen sind die riesigen Baldachine, die den schädlichen Einfluss der Witterung auf das weiche, rote Tuffgestein mindern sollen. Der Blick geht hier von der zweiten, im Süden Lalibelas gelegenen, älteren Kirchengruppe auf die erste, nördliche, jüngere Gruppe. Unter dem rechten Dach liegt die größte Kirche der Gruppe, Bete Medhane Alem, unter der linken Bete Maryam und das Ensemble um Bete Mikael.

Bete Medhane Alem ist nach der – schon lange zerstörten – großen Kathedrale von Aksum mit einer Grundfläche von 33,50 m x 23,50 m die zweitgrößte Kirche Äthiopiens. 11,50 m ist die Kirche „Erlöser der Welt“ hoch und steht in einem ausgeschachteten Hof von 45 m x 43 m. Im Inneren wird die gewaltige Basilika von vier Pfeilerreihen in fünf Schiffe unterteilt, der Umgang besitzt 34 viereckige Pfeiler, die ihre Vorläufer in der altsüdarabischen Architektur haben.










Bete Maryam war die Lieblingskirche König Lalibelas, der sich am Haupteingang eine eigene Loge in den Fels meißeln ließ. Sie hat eine Grundfläche von 13 m x 9 m bei einer Höhe von etwa ebenfalls 9 m. Außen eher unscheinbar, ist Bete Maryam innen die am prächtigsten geschmückte Kirche Lalibelas, mit Ornamenten und Malereien, die bis in die Zeit zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert zurückdatieren. Während sich drinnen fortwährend die Pilger drängen, ist im Hof auf Teppichen auch Zeit für theologische Gespräche, für die man die Bibel im Ge`ez-Original, dem „äthiopischen Latein“, zu Rate zieht.


Insgesamt drei Becken haben im Hof der Kirche Bete Maryam in erster Linie die Aufgabe, das Regenwasser aufzufangen. Diese Art Becken hat sich aus den frühchristlichen Taufbecken außerhalb der Kirchen entwickelt und spielt heute eine wichtige Rolle bei verschiedenen äthiopisch-orthodoxen Festen. Das hier zu sehende, große Becken hat darüber hinaus die Kraft, unfruchtbare Frauen durch ein Bad darin „heilen“ zu können.




In die nördliche Hofwand der Kirche Bete Maryam wurden die höhlenartigen Räume der Kapelle Bete Masqal, das Haus des Kreuzes, getrieben. Vier Pfeiler teilen den Hauptraum in zwei Schiffe. Der Grundriss von Bete Masqal orientiert sich zwar an gängigen Kirchengrundrissen, dennoch hat die Kapelle in ihrer Höhlenhaftigkeit etwas sehr Mysthisches.


Ein Bild des Heiligen Georg, dem wohl wichtigsten Heiligen, der immer wieder auftaucht in den Kirchen von Lalibela, in der Kapelle Bete Danagel in der südlichen Hofwand von Bete Maryam; die der Jungfrau geweihte Kapelle wurde zu Ehren von 50 Nonnen errichtet, die unter dem römischen Kaiser Julian Apostata in Edessa in Kleinasien das Martyrium erlitten hatten.

Beim Komplex Bete Debre Sina mit den Zwillingskapellen Bete Mikael und, daran anschließend, Bete Golgata handelt es sich um das mythische Lalibela in Reinform. Hier liegt das Zentrum des sogenannten „zweiten Jerusalems“. Bete Mikael ist in einen auf drei Seiten freistehenden Monolithen gehauen mit dem Eingang im Süden, und durch diese Kapelle gelangt man auch in die Golgata Kapelle, die im Norden anschließt und etwa 12 m x 6 m groß und 4,50 m hoch ist. Der Zutritt ist allerdings nur Männern erlaubt. In sieben Wandnischen befinden sich dort Reliefs von Heiligen, die aus dem 14. Jahrhundert stammen. Im Tabu-Bereich von Bete Golgata, dem Allerheiligsten, das nur von hohen Priestern betreten werden darf, liegen auch das „Grab Christi“ sowie das Grab König Lalibelas.



Zum Komplex Bete Debre Sina gehört außer den Zwillingskapellen noch ein massiver Sockel im Westen der Anlage. Der Block ist bei einer Grundfläche von 3,50 m x 2 m etwa 5,50 m hoch und trägt den Titel „Grab Adams“. Im Inneren gibt es einen kleinen Raum, von dem aus ein nach oben führender Gang einst den Haupteingang zur ersten Kirchengruppe markierte. Direkt hinter diesem Block liegt dieser Eingang zur Kapelle Bete Uriel, die erst 1998 eröffnet wurde. Alles in allem umfasst der Komplex mit dem Grab Adams, dem Ort der Kreuzigung Christi (Bete Golgata), seinem Grab und dem Auferstehungsort, einer mit dem Berg Sinai verbundenen Kapelle, sowie der Dreieinigkeit geweihten, Besuchern unzugänglichen Krypta, der Selassie-Kapelle, alle bedeutenden Orte Palästinas auf äthiopischem Boden.



Die Legende besagt, dass nach Fertigstellung der Felsenkirchen der Heilige Georg König Lalibela im Traum erschienen sei und sich beklagt habe, dass ihm keine Kirche geweiht worden war. Also ließ König Lalibela dem in Äthiopien berühmten und beliebten Reiterheiligen diese Kirche errichten, und die Hufspuren von Georgs Pferd sind bis heute im schmalen Schacht, der bis in 12 m Tiefe hinab zur Kirche führt, zu erkennen. Bete Gyorgis ist architektonisch die Zusammenfassung und Perfektionierung aller Techniken und Stilarten. In Form eines griechischen Kreuzes erhebt sich die Kirche auf einer Grundfläche mit der gleichmäßigen Ausdehnung von 12,50 m auf 10,50 m Höhe. Aksumitische Fenster im Untergeschoss, maurische im Obergeschoss sowie der Grundriss einer – im griechisch-orthodoxen Bereich sehr beliebten – Kreuzkuppelkirche sind nur einige der vielfältigen Einflüsse. In mancher der umliegenden Höhlen leben erimitische Nonnen, deren Gebeine nach ihrem Tod in Felsspalten bestattet werden und dort mumifizieren.







Südöstlich der ersten liegt die zweite, ältere Gruppe Felsenkirchen auf dem Rücken eines Hügels gut vor den Augen des Uneingeweihten geschützt, bis er den Hügel erklommen hat. Die Gruppe wird durch einen Umgehungsschacht untereinander verbunden.

Bete Gabriel-Raphael ist wie Bete Marqorewos bis auf die Fassade ganz im Felsen verborgen – ähnlich der Felsen- und Höhlenkirchen in Tigray. Während Bete Marqorewos zum Teil eingestürzt ist und mit modernen Mitteln gesichert werden musste, ist Bete Gabriel Raphael in gutem Zustand. Beiden Kirchen ist gemein, dass sie vermutlich nicht als Kirchen erbaut worden waren. Im Fall von Bete Gabriel-Raphael geht man davon aus, dass der Bau Teil der Palastanlage der Zagwe-Herrscher gewesen ist, bevor er zur Kirche umgebaut wurde. Dem entspricht auch der Festungscharakter inklusive eines 18 m tiefen Hofs, der von einer kleinen Brücke – früher einer einziehbaren – überspannt wird. Durch einen Gang erreicht man von Bete Gabriel-Raphael aus einen Hof und das inzwischen arg verfallene Bete Lehem, das Haus des Brotes, bevor man zu Bete Marqorewos gelangt.






Bete Abba Libanos besitzt eine Grundfläche von 9,50 m x 7 m, ist 7,50 m hoch und am Dach mit dem Fels, in den sie hineingeschlagen wurde, verbunden. Das Äußere ist von Pilastern und den aksumitischen Fenstern geprägt, im Inneren sind Deckenbalken in Stein imitiert. Der Legende nach wurde Bete Abba Libanos in nur einer Nacht von Engeln und der Frau König Lalibelas errichtet. Diese sei nämlich eifersüchtig geworden auf die Bautätigkeit ihres Mannes und habe als Buße für die unbegründete Eifersucht eine Kirche erbaut.

Bete Emanuel ist die ausgewogenste und schönste Kirche der älteren zweiten Gruppe. Verborgen in einem Schacht von 30 m x 24 m Größe nimmt Bete Emanuel eine Fläche von 17,50 m x 11,50 m bei einer Höhe von 11 m ein. Die aksumitische Baukunst ist hier noch überall zu entdecken: in abgestuften, umlaufenden Bändern, bei den Fenstern mit Holzbalkenimitationen sowie durch das typische Podest. Die dreischiffige Aufteilung im Inneren ähnelt der von Bete Maryam.

Bete Marqorewos ist teilweise eingestürzt, der nordöstliche Teil der unregelmäßigen, fünfschiffigen Halle beherbergt die heutige Kirche. Dort werden verschiedene Malereien aufbewahrt, wie zum Beispiel das Bild des Heiligen Mercurios, der den vom Christentum abgefallenen römischen Kaiser Julian Apostata mit einer Lanze durchbohrt. Wie in allen Kirchen Lalibelas hat man es auch bei Bete Marqorewos mit einem nach wie vor stark genutzten, heiligen Ort zu tun. Um die Halle herum gruppieren sich verschiedene Räume, in denen etwa die Mumien verstorbener Mönche eine Ruhestätte finden, überall halten Priester, Mönche und Nonnen Andacht und Pilger branden in andauernden Strömen durch die Gotteshäuser. Viele der Höhlen in den Schächten und Höfen rund um die Kirchen werden bis heute von Einsiedlern, von Mönchen und Nonnen, bewohnt. Sie trocknen dort ihre Kichererbsen, waschen Wäsche, beten oder fegen vor den Türen ihrer urtümlichen Behausungen. Im östlichen Teil des Umgehungsschachts der zweiten Kirchengruppe sind sogar die Hütten eines Frauenklosters untergebracht, und auch deren Gebeine werden in den umliegenden Felsnischen bestattet.



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