Harar


Die sagenumwobene Stadt Harar liegt im Osten Äthiopiens und nur wenige Kilometer von der somalischen Grenze entfernt (zu Somaliland) auf 1850 m Höhe am äußersten Ende des Ahmar Gebirgszugs, der sich vom Großen Afrikanischen Grabenbruch südlich von Addis Abeba gen Osten erstreckt und von Dire Dawa und Harar bis nach Somaliland zum Meer hin abfällt. Berühmt ist Harar, das heute etwa 108.000 Einwohner hat, für die von einer Wehrmauer umgebene Altstadt, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Drumherum ist in den vergangenen 150 Jahren eine typisch afrikanische Stadt voll von Händlern, heruntergekommenen Gebäuden, Wellblechhütten, Müll, knatternden Bussen, Minibussen, Tuk-Tuks und LKWs geworden, deren Bild von Khat und Armut geprägt ist. Harar ist einer der Hauptumschlagplätze für die Droge und deren Jünger und Opfer sind quasi überall anzutreffen.
Emir Nur, der Nachfolger des legendären Ahmed Grang, der im Namen des Islams Krieg gegen die christlichen Amharen des Hochlands geführt hatte, hatte im 16. Jahrhundert um Harar eine Mauer errichten lassen, durch die ursprünglich fünf Tore ins Innere führten – symbolisch für die fünf Säulen des Islam. Nach der Eroberung durch den christlichen König Menelik II. wurden zwei weitere angelegt. Durch eines führt die einzige von Autos befahrbare Straße in die Altstadt und trifft nach einigen Metern auf Feres Megala (“Pferdemarkt“), den zentralen und größten Platz in der Altstadt, von dem sternförmig die Gassen ins verwirrende Durcheinander der Häuser führen.





Das Zentrum von Feres Megala ziert ein Denkmal für die, die im Kampf gegen Meneliks Truppen ihr Leben gelassen haben und zeigt die fünf ursprünglichen Tore zur Altstadt. Die weißen Gebäude wurden vom französischen Poeten Arthur Rimbaud bewohnt/genutzt, der Ende der 1880er Jahre als Kolonialwaren- sowie Waffenhändler in Harar lebte. Die uralten Peugeot-Taxis – darunter besonders der 404 – gehören zum Bild von Harar wie die amerikanischen Oldtimer zu Kuba und Havanna und zeugen von großem vergangenem Engagement der Franzosen im Osten Äthiopiens.



Die Altstadt von Harar, zu der Nicht-Muslimen früher einmal der Zutritt untersagt gewesen ist, umfasst innerhalb der Stadtmauer auf insgesamt nur einem Quadratkilometer Fläche 364 Gassen, 82 Moscheen – von denen zwei bis ins 10. Jahrhundert zurückdatieren, über 100 Schreine und Grabsteine sowie noch etwa 2000 ursprüngliche Aderi-Häuser. Harar ist eine durch und durch muslimisch geprägte Stadt und gilt der islamischen Gemeinde weltweit als viertheiligster Ort nach Mekka, Medina und Jerusalem. Erst mit der Besetzung durch Meneliks Truppen hielt auch das Christentum tatsächlich Einzug in Harar. Seither sind die Bewohner allerdings stolz auf das friedliche Miteinander der Kulturen und Religionen, die ein – im wörtlichen Sinne – nachbarschaftliches Verhältnis pflegen.







Mekina Girgir lautet der offizielle Name der Straße, die den Beinamen „Sewing machine sound street“ (“Nähmaschinengeräuschgasse“) trägt, weil hier traditionell die Schneider mit ihren alten Nähmaschinen vor den Türen ihrer Geschäfte direkt im Freien in der Gasse ihre Stücke nähen. Das Surren der manuellen Nähmaschinen ist das charakteristische Geräusch von Mekina Girgir. Vor Ort können die Kunden wundervolle, farbenfrohe Stoffe kaufen und zum Kleidungsstück ihrer Wahl verarbeiten lassen, oder sie bringen eigene Stoffe mit. Die Schneider vertrauen dabei am liebsten auf Singer-Nähmaschinen, die bekanntesten der Welt. Die amerikanische Traditionsmarke, die vom einen oder anderen Einheimischen aufgrund des uneindeutigen Namens für eine deutsche gehalten wird, ist die dominierende unter den Nähmaschinen Harars, und jeder Schneider, der eine Singer besitzt, ist dementsprechend stolz darauf.





Die traditionellen Aderi-Häuser, gegar genannt, sind ein in Äthiopien seltener Haustyp mit zwei Stockwerken. Die Bauweise ist wohldurchdacht, dicke Mauern und Stroh- sowie Erdeinlagen in Wänden, Decken und Fußböden sorgen für ein angenehmes Raumklima zu jeder Jahreszeit. Wichtigster und größter Raum ist der Empfangsraum mit Diwanen auf verschiedenen Ebenen, auf denen Gäste Platz nehmen können und auch die Familienmitglieder je nach Stellung in der Hierarchie zu den Mahlzeiten oder Unterhaltungen zusammenkommen. Die Wände sind mit Ocker bemalt und vollgehängt mit Korbwaren und Injera-Schalen, die bei Festen, zu denen nicht selten hunderte Gäste kommen, benötigt werden. In traditionell elf Wandnischen stehen Porzellan und andere Schmuckstücke.





Die Hinterhöfe des Jugol sind die Produktionsstätten Harars. In diesem Fall bereiten Aderi das Nationalgewürz Berbere aus den großen, dunkelroten äthiopischen Chilischoten zu, während der Sohn aufgeregt die neugierigen Faranjis begrüßen muss.




Die schönsten Läden im Jugol sind in Privathäusern und Hinterhöfen zu finden. Diese Aderi gebietet über den wohl opulentesten Laden Harars, vollgestopft mit Kunsthandwerk aller Art, von Schnitzereien über Korbwaren bis hin zu Silberschmuck, den besonders die Nomaden des Ogaden gern kaufen. Das Haus ist ein gegar, ein traditionelles, zweistöckiges Aderi-Haus.



Am Ende der Nähmaschinengasse (Mekina Girgir) liegt Gidir Magala, der sogenannte muslimische Markt, der auch Harars größte Schlachterei ist. Hier gibt es – außer Schweinefleisch – alles, was das äthiopische Herz begehrt, und mehr, als mancher europäische Magen ertragen kann. Rind, Huhn, Ziege, Schaf und Kamel stehen gleichermaßen auf der Angebotsliste, und von den Tieren wird nahezu alles verwendet, vom Fleisch über die Innereien bis hin zu den Knochen.




Wie beinahe überall auf dem afrikanischen Kontinent sind auch in Harar die Märkte eine echte Attraktion – inner- wie außerhalb der Altstadt. Darunter sticht vor allem der Gewürzmarkt hervor, eine wahre Sinfonie von Farben und Aromen. Hier gibt es alle Gewürze, Hülsenfrüchte und Nüsse vom Horn von Afrika, genauso wie Weihrauch, der in Äthiopien zur Beräucherung während der Buna, der traditionellen Kaffeezeremonie, verwendet wird. Das Salz kommt direkt von den Afar aus der Danakil-Senke.



Stoffe sind ein wichtiges Handelsgut in Harar. Die farbenprächtigen Textilien kommen aus verschiedenen Regionen und Ländern, sowohl aus der näheren Umgebung als auch aus Djibouti, Somaliland, von den Dorze aus Südäthiopien oder aus dem nordäthiopischen Hochland. Farbgebung, Mustern und Verzierungen sind keine Grenzen gesetzt, Hauptsache strahlend und möglichst bunt.


Neben der modernen Erlöserkirche Medhane Alem am Feres Megala gibt es bloß eine weitere christliche Kirche im Jugol, diese katholische Missionskirche. Die Mission, zu der auch eine Schule gehört, datiert zurück ins Jahr 1889 und steht in direkter Nachbarschaft zur Jamii-Moschee in der „Straße der Versöhnung“. Diese direkte und friedliche Nachbarschaft der beiden Religionen ist ein gern genutztes Beispiel, das die Einheimischen durchaus stolz anführen, um zu zeigen, dass ein nachbarschaftliches Mit- und Nebeneinander möglich ist.





Nach seiner Abkehr von der Literatur kam der französische Poet Arthur Rimbaud 1880 von Aden/Jemen aus nach Harar – als Vertreter einer Handelsgesellschaft. Als Europäer in der ersten europäischen Handelsstation in Harar musste er sich gegen arabische und indische Händler durchsetzen, strich aber bereits 1881 frustriert die Segel. 1883 kehrte er aus Geldnöten zurück, um 1884 bereits wieder abzureisen, allerdings gemeinsam mit einer Einheimischen, die die einzige Frau in seinem Leben bleibt. Nach finanziell desaströsen Reisen in der Region kommt Rimbaud 1888 als Agent einer Handelsfirma erneut nach Harar, wo er auch illegal mit Waffen und vermutlich sogar Sklaven handelt. 1891 verlässt er Harar aufgrund einer Entzündung, die später zu seinem Tod führen wird, endgültig.

Das Haus, in dem das Arthur Rimbaud Museum untergebracht ist, hat keine Verbindung zum Dichter. Es ist das prächtige und kunstvoll ausgestattete und verzierte Haus eines indischen Händlers, das heute Schautafeln, Bilder, Briefe und andere Zeugnisse des Lebens Arthur Rimbauds in Harar beherbergt. Einen großen Teil des Reizes eines Besuchs im Museum macht tatsächlich die herrliche Architektur aus, von den mit Schnitzereien versehenen Holzverkleidungen bis hin zu den Buntglasfenstern – einer echten Seltenheit im Afrika südlich der Sahara. Darüber hinaus gibt es eine Ausstellung historischer Fotografien von Harar aus der Zeit Rimbauds sowie der Jahrhundertwende – zum Teil vom Dichter selbst geschossen.








Unweit des gigantischen Shoa-Tor-Markts, außerhalb der Altstadt, befindet sich eine Reihe ineinander übergehender Märkte, von denen der sogenannte Recycling-Markt wohl einer der kuriosesten ist. Hier wird buchstäblich alles aus Metall repariert oder zu nützlichen Alltagsgegenständen weiterverarbeitet. Vermutlich ist es kein Zufall, dass sich in direkter Nähe zwei Busbahnhöfe befinden, weil dadurch die Beschaffung von Ersatzteilen deutlich erleichtert wird. Der Recycling-Markt geht direkt über in einen Markt für Kleidung, genannt Cigaratera, weil hier früher selbst gerollte Zigaretten verkauft wurden.



Es hat den Anschein, als hätten auf dem Schmuggler-Markt die Frauen das Sagen, denn sie sind es, die die kleinen, in enge Marktbuden gezwängten Shops betreiben, in denen tatsächlich illegale Schmuggelware, die zumeist auf alten Karawanenstraßen von Djibouti durch die Danakil-Senke oder von Somaliland durch die Wüste nach Harar gekommen ist, verkauft wird. Modeartikel, Mobiltelefone und jede denkbare Art von Elektronikartikeln sowie Schmuck gibt es hier, entweder als spottbilliges chinesisches Plagiat oder als unschlagbar günstiges Original. Das Bild konnte nur entstehen, weil unser Führer, Hailu Gashaw – der beste Guide von allen – jeden Händler kennt und gemeinsam mit einem Freund darauf achtete, dass sich niemand provoziert fühlte und Diebe keine Chance hatten.



Das Shoa-Tor ist eines der fünf ursprünglichen Tore zu Harars Altstadt, dem Jugol. Davor ist Harars vermutlich größter und hektischster Markt, der Shoa-Tor-Markt oder christlicher Markt zu finden. Zu diesem gehört auch der Gewürzmarkt. Neben allen Arten von Gemüse aus der Region gibt es auf dem Markt viele Naturprodukte, die für die traditionelle einheimische Medizin benötigt werden, sowie das unvermeidliche Khat, das fast ausschließlich von Frauen verkauft wird. Diese sind häufig ebenfalls der Droge verfallen, die sie während der langen Stunden des Tages auf dem Markt konsumieren. Am Abend, kurz bevor es wieder auf den – häufig beschwerlichen – Heimweg geht, sind deshalb die Augenlider schwer, jeder Enthusiasmus vom Kauen der Khat-Blätter ausgebremst und die Blicke müde und leer. Trotz allem bleibt Khat in der Regel eine Männerdroge, die besonders gern auch von den Muslimen der umliegenden Wüstenregionen genossen wird.





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2 Kommentare zu “Harar

  1. Leyla sagt:

    nice work ❤

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