Likoma Island, Malawi


Die Landschaft Likomas ist noch stärker als die auf Chizumulu geprägt von den Baobabs, die überall ihre dürren Finger in den Himmel recken. Bis auf den äußersten Norden ist die Insel allerdings auch mehr oder minder entwaldet, nur einzelne Baum- oder Buschgruppen und eben die Baobabs begrünen die Hügel Likomas, die gen Süden flacher und gen Norden höher, steiler und felsiger werden. An der Mosambik abgewandten Westseite verbindet ein Weg die vereinzelten Dörfer in den Buchten. Läuft man diesen Weg von Süden nach Norden, startet man in flachen Sandstrandbuchten mit Mangobäumen, bevor das Gelände allmählich schroffer wird und die Sandstrände langsam verschwinden. Im Norden fallen schließlich steile Felshänge in den See ab.

Es war bereits kurz vor Sonnenuntergang, als sich die Einwohner von Ulisa Bay im Nordwesten Likomas am Strand versammelten und die sechs jungen Fischer anfeuerten, die im Vollsprint ihr Dhow in die Brandung schoben, hineinsprangen und mit energischen Paddelschlägen Richtung Nordspitze der Insel davonzogen. Etwa 45 Minuten später kamen sie im letzten Licht der hinter Chizumulu untergehenden Sonne wieder zum Strand zurück, die letzten Netze an Bord.
Das Fischen hat eine lange Tradition auf den Inseln und bildet bis heute das Haupteinkommen der Menschen dort, es stellt allerdings auch ein Problem dar. Sehr früh erlernen die (männlichen) Kinder von ihren Vätern das Handwerk des Fischens und fahren mit ihnen hinaus auf den See. Neben den handwerklichen Fähigkeiten ist eine der prägnantesten Lehren, die die Halbwüchsigen dabei lernen, jedoch die, dass ein einziger guter Fang für malawische Verhältnisse relativ viel Geld einbringen kann. Diese Erkenntnis führt bei den Halbwüchsigen und Halbstarken dazu, dass sie früh die Schule abbrechen und mit eigenem Boot auf Fischfang gehen. Sie bringen ihre Netze aus, kümmern sich um das Boot, holen die Netze wieder ein, verkaufen den Fang und nehmen sich den Nachmittag frei, um sich mit ihren Freunden mit Chibuku, einem Hirse-Mais-Bier, das es in Ein-Liter-Kartons gibt, bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen.
Wir wurden mehrfach Zeuge dieses beinahe europäisch oder deutsch anmutenden Rituals. Während der Überfahrt mit der Malungu endete das Chibuku-Gelage in tumultartigen, verbalen Auseinandersetzungen, bevor einige der Protagonisten in der stechenden Sonne einschliefen. Auf der Ilala von Chizumulu nach Likoma war es dann Lager statt Chibuku, genauso wie an der Bar unserer Unterkunft, wo wir miterlebten, wie der größte Chibuku-Freund von der Malungu sich amtlich die Kante gab und, kurz bevor der Strom abgeschaltet wurde, friedlich mit dem Kopf auf dem Tresen entschlummerte. Einen anderen, den wir schon von der Überfahrt kannten, trafen wir bereits mittags betrunken in seinem Heimatdorf im Norden Likomas wieder.

Auf Likoma leben etwa gegen 10.000 Menschen, von denen knapp zwei Drittel der Ethnie der Chewa angehören, ein Viertel sind Tonga – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen sambischen Volk, darüber hinaus sind noch weitere Stämme vertreten, außerdem mosambikanische Einwanderer. Und alle leben sie vom Fischfang. Die Bucht mit der Siedlung Yofu ist eine der nördlichsten Likomas. Auch dort lebt man fast ausschließlich vom Fischfang. Was die nördlichste Spitze der Insel allerdings vom Rest unterscheidet, ist das relativ steile und unzugängliche Gelände, weshalb die Menschen dort sehr abgeschieden leben. Zu beobachten war das besonders an den Kindern, für die es eine ganz besondere Sensation war, Azungus in ihren Dörfern zu sehen. Innerhalb kürzester Zeit zogen wir einen Rattenschwanz an Kindern hinter uns her, so dass ungestörte Kontaktaufnahme oder Beobachten unmöglich wurde.
Die kleine Bonnie trafen wir am Strand in der Yofu Bucht, wo ihre Mutter abseits Wäsche wusch, während die Männer mit den Booten auf dem See waren oder ein paar Meter weiter Netze flickten. Wie die anderen Kinder konnte auch Bonnie ihrer Neugier auf die fremden Weißen nicht widerstehen und näherte sich uns, war jedoch so schüchtern, dass sie sich immer wieder hinter den älteren Kindern versteckte und kein Wort sagte. Ihr Blick aus den fast schwarzen Augen aber klebte permanent an uns.
Es müsste eigentlich ein traumhafter Ort für ein Kind sein. Die Wahrheit aber ist, dass gerade auf den Inseln HIV ein überwältigendes Problem darstellt, von anderen Krankheiten ganz zu schweigen. Armut und mangelhafte Ernährung tun ihr übriges, um die Lage zu verschlimmern und die Lebenserwartung der Menschen weiter zu senken.

Ja, es ist bizarr, in einer Umgebung wie in Malawi, auf einer armen, aber dennoch paradiesischen Insel plötzlich vor einer Kirche wie der St. Peter Kathedrale zu stehen! Sie ist mit Abstand das größte Gebäude auf den Inseln, eine der größten Kirchen Afrikas und mit 100 m Länge und 25 m Breite so groß wie die Winchester Kathedrale in England. Erbaut wurde sie Anfang des 20. Jahrhunderts von der Universities‘ Mission to Central Africa der Kirche von England, die dort seit 1885 eine Station unterhielt, von der aus die Mitglieder gegen den Sklavenhandel kämpften. Fertiggestellt wurde die Kathedrale 1911.
Die St. Peter Kathedrale ist ein Backsteinbau, wobei sämtliche Steine auf der Insel selbst hergestellt wurden. Nur die edleren Ziersteine im Inneren sowie für die Ausstattung wie das Taufbecken, wurden aus Mosambik per Boot auf die Insel gebracht. Der Legende zufolge stammt das Holz, aus dem das Kruzifix geschnitzt wurde, von dem Baum, unter dem David Livingstones Herz in den Bangweulu Sümpfen in Sambia begraben wurde.
Zu der ehemaligen Missionarsstation gehören bis heute auch ein Krankenhaus und ein Nonnenkloster. Dessen Bewohnerinnen feierten gerade ihren monatlichen Bible Thursday, als wir die Kathedrale besuchten, und wie zu erwarten, ging es offen, enthusiastisch, fröhlich sowie singend und tanzend zur Sache. Alles geschah in der Landessprache Chichewa, aber regelmäßig werden auch Messen auf Englisch gelesen.






Wenn die Ilala an den winzigen Mbuzi-Inseln vorbei in die Bucht von Chipyela beidreht, lockt das die Bewohner von Likoma mit beinaher magischer Anziehungskraft an den Strand. Es ist ein zweimal die Woche wiederkehrendes Fest, zu dem auch kommt, wer nichts und niemanden abzuholen und selbst keine Waren zu verschiffen hat. Allein das Spektakel all der Boote, die hektisch losziehen, sobald die Ilala vor Anker liegt, und jeweils versuchen, als erste an den Luken zu sein, verspricht beste Unterhaltung.
Kommt die Ilala von Norden, dann geht sie, von Chizumulu kommend, in den frühen Morgenstunden in der Bucht vor Anker, von Süden kommend – wie auf dem Bild zu sehen – erreicht sie Likoma in den frühen Nachmittagstunden, nachdem sie zuvor in Cóbuè auf dem mosambikanischen Festland Station gemacht hat. Und nicht nur mithilfe der Ilala wird Handel mit Mosambik betrieben, Händler von beiden Seiten überqueren regelmäßig die schmale Wasserstraße, die Likoma vom Festland trennt, mit ihren Dhows, die häufig kunterbunte Segel haben.

Es ist beinahe bizarr, die sonst für das europäische Verständnis geradezu provozierend gemütlichen Afrikaner bei Gelegenheiten wie der Ankunft der Ilala auf Likoma zu erleben. Als Beispiel könnte man natürlich auch Busfahrten oder jede andere Transportdienstleistung oder ähnliches nehmen.
Im Falle der Busfahrt spielt sich die Situation etwa wie folgt oder ähnlich ab. Ein Überlandbus soll um acht Uhr morgens an der Busstation abfahren. Das wird er nicht tun, das ist absehbar, aber so steht es im Fahrplan, so wird es an potentielle Passagiere weitergegeben. Sharp Eight! Auf jeden Fall aber solle man schon vor sieben Uhr dort sein, sonst kriege man keine Fahrkarten mehr, man müsse stehen, oder vielleicht muss man dann auch zur Strafe zwei Stunden lang den besten malawischen Bibel-Pop in Endlosschleife hören, inklusive Videos, die auf dem Fernseher im Mittelgang gezeigt werden. Also bittet man den Taxifahrer seines Vertrauens darum, um kurz vor sieben bei der nicht allzu weit entfernten Herberge zum Transport bereitszustehen. Dieser kann jedoch überzeugend darlegen, wie furchterregend, übel, geradezu diabolisch der morgendliche Berufsverkehr ist, nicht vorstellbar für Europäer, gerade für Deutsche. Also zwanzig vor sieben!
Um 6:45 Uhr setzt man übermüdet, mit nüchternem Magen und eher schlecht gelaunt den ersten Fuß auf das Gelände des Busbahnhofs, der in keiner afrikanischen – oder irgendeiner – Stadt zu den Sehenswürdigkeiten gehört. Elf einsame Autos hat man auf der Fahrt zum Busbahnhof gezählt, Rush Hour auf afrikanisch, nicht vergleichbar mit Europa oder gar Deutschland, das stimmt schon. An der Busstation wird gerade der Dreck des Vortages weggekehrt, außer einem selbst sind vielleicht noch 20 weitere Menschen vor Ort, das Büro der Busgesellschaft ist selbstverständlich geschlossen, der Verantwortliche schläft noch und ist nicht zu wecken.
Die nächste Stunde verbringt man dann damit, lokale afrikanische Rituale zu studieren, wie das einer Gruppe von etwa zehn Männern. Diese versuchten etwas, das vor Jahrhunderten einmal ein Bus gewesen sein musste, zum Laufen zu bringen – zwecks fünfstündiger Überlandfahrt. Der Bus springt an, fährt 50 Meter und säuft ab. Die Männer tappen hinterher, lehnen sich mit viel Erfahrung gegen den Bus und schieben ihn die 50 Meter wieder zurück. Gang rein, Hoffen, Bangen, er springt an, rollt 50 Meter vorwärts und erstirbt wieder. Das Spiel beginnt von neuem. So etwas kann Stunden dauern.
Als die Gläubigen den Bus zum 20. Mal zurückschieben, fängt der Busbahnhof langsam an, sich zu füllen. Es ist zehn vor acht, und der Bus, der um Sharp eight fahren soll, ist noch nicht einmal vor Ort. Immerhin kann irgendwann im stetig zunehmenden Gedränge der Conductor, der Verantwortliche für den Ticketverkauf, ausgemacht werden. Der Bus werde jeden Augenblick ankommen, beruhigt er nervöse europäische Bedenken. Einheimische, die sich als Mitreisende zu erkennen geben, treiben sich entspannt am Bussteig herum, dösen in einer Ecke, essen, unterhalten sich oder tätigen ein paar Einkäufe bei den fliegenden Händlern, die inzwischen über das Areal schwirren wie ein Schwarm Moskitos.
Um 8:20 Uhr erscheint plötzlich der Bus auf der Bildfläche, womit nun wirklich niemand gerechnet hätte. Der Busfahrer justiert seine Position sorgfältig, fährt noch fünf-, sechsmal ein paar Zentimeter vor und zurück und lässt den Motor mehrfach laut aufheulen, um jedem mitzuteilen, dass er jetzt da ist. Natürlich hupt er fortwährend. Dann öffnet sich die Tür und circa 3000 Einheimische versuchen gleichzeitig, ins Innere zu gelangen, während sie auf Zuruf die Assistenten des Conductors, die sich erst kurz zuvor aus der mit dem Duft von Urin und Verbranntem geschwängerten Luft materialisiert hatten, anwiesen, wie und wo die ihr Gepäck in den Eingeweihden des Busses zu verstauen hätten. Dabei werden keine Gefangenen gemacht, Kinder fliegen durch die Lüfte, Omas werden niedergetrampelt, Ellenbogen prallen krachend auf Rippen und Gepäckstücke werden in einer Ablage verstaut, in die sie aus physikalischer Sicht überhaupt nicht reinpassen dürften. Da man das eigene Gepäck selbst in den Stauraum des Busses verfrachtet, verabschiedet man sich in Gedanken bereits von einem Sitzplatz. Als man endlich den Bus besteigt, haben sich die Tumulte gelegt, der Busfahrer lehnt tiefenentspannt an seinem Bus und kramt einen Zigarettenstummel hervor, den er sich genüßlich ansteckt, der Conductor geht auf seiner Liste gerade die Passagiere durch und zählt das Geld.
Auch im Inneren des Busses ist es ruhiger geworden, fröhlich und in Gespräche verwickelt scheinen die Passagiere die Wartezeit bis zur Abfahrt sogar zu genießen. Erstaunlicherweise ist der Bus nur zu zwei Dritteln gefüllt, ohne Probleme kann man sich die Sitzplätze nach individuellem Geschmack aussuchen, und ganz unweigerlich stellt man sich die Frage, ob man gerade wieder nur Zeuge eines ausgefallenen, afrikanischen Rituals geworden ist. Diese Frage kann einen Menschen lange beschäftigen, auch über die Abfahrt des Busses hinaus. Die findet übrigens Punkt neun Uhr statt!
Bei der Ankunft der Ilala läuft es sehr ähnlich. Das Schiff ist für 14 Uhr angekündigt, also werden unerfahrene Reisende davon überzeugt, bereits um 13:30 Uhr am Strand zu sein, man könnte ja etwas verpassen. Während man die – vermutlich – Stunden bis zur tatsächlichen Ankunft der Ilala totschlägt, kann man beobachten, wie sich der Strand allmählich füllt mit Menschen, Waren und Tieren – toten wie lebendigen. Es werden Spiele gespielt, Essen verteilt, es wird getrunken, erzählt, gelacht, es werden Verpackungen zugeklebt und Pakete verschnürt.
Jeder der Anwesenden weiß, dass die Ilala unter Umständen stundenlang vor Anker liegen wird, unserer Theorie zufolge immer genau so lange, bis das letzte Päckchen verstaut wurde und der letzte Passagier seinen Weg an Bord gefunden hat. Trotzdem ist die erste Sichtung der Ilala quasi der Startschuss für ein Gewimmel, bei dem man wahlweise an Ameisen oder Winterschlussverkauf denken mag. Winzige Boote, die im Bestfall einen viel zu schwachen Motor ihr eigen nennen, im Normalfall aber gerudert werden müssen, werden so lange mit Menschen und Waren beladen, bis das Boot selbst nicht mehr zu sehen ist, vorher wird nicht abgelegt. Das Rennen startet schließlich, sobald der Anker der Ilala die Wasseroberfläche berührt.
Alle versuchen sie, vor dem jeweils anderen an den Einstiegsluken der Ilala zu sein, durch die alles sowohl hinein- als auch hinausbefördert werden muss. Schafft man es nicht, Erster zu sein, so wird eben in zweiter, dritter, vierter Reihe „geparkt“ und das Be- oder Entladen bzw. Ein- oder Aussteigen über die davor liegenden Boote abgewickelt. Dieses System wird zusätzlich verkompliziert durch die Tatsache, dass die beiden großen, motorisierten Beiboote der Ilala selbstverständlich Vorfahrt haben, was bedeutet, dass alle anderen verschwinden müssen, wenn diese zu Wasser gelassen werden oder vom Strand zum Schiff zurückkehren.
Auch in den Booten selbst herrscht diese Mentalität. Sobald eines die Ilala erreicht hat, versuchen alle Passagiere gleichzeitig, die Leiter zum Schiff hinaufzugelangen. Wer nur geringe Erfahrung mit Verdrängung von Wasser, Gleichgewicht und ähnlichen physikalischen Gesetzen hat, weiß, was geschieht, wenn sich in einem Boot alle Passagiere auf derselben Seite aufhalten. Die jeweiligen Bootsführer haben stets alle Hände voll zu tun, um das Umkippen zu verhindern, gleichzeitig das Boot nicht von der Ilala abtreiben zu lassen und natürlich darauf zu achten, dass keiner der Passagiere über Bord geht.
Im Inneren der Ilala wird man vom Bild einer äußerst lebendigen Dose Sardinen empfangen, da die Einstiegsebene die Economy Class ist, das nautische Äquivalent zum Minibus. Schafft man es bis zur Treppe – was eingeölt leichter fällt, kann man eine Ebene höher zumindest schon an der Reling stehen. Dort sind die wenigen Kabinen sowie das Bordrestaurant der Ilala untergebracht. Eine Ebene darüber ist man schließlich an Deck, wo die meisten der einheimischen Passagiere nur hinkommen, wenn sie sich ein Bier an der Bar holen.
Das wirklich Absurde aber ist, dass die Ilala tatsächlich über Stunden vor Anker liegt und zu der erlebten Eile überhaupt kein Anlass besteht. Später legt sich sogar der Andrang, es wird ruhiger an den Einstiegsluken, das Ein- und Ausladen wie das Ein- und Aussteigen sind deutlich entspannter möglich. Den Inhabern unserer Unterkünfte auf beiden Inseln begegneten wir jeweils auf der Ilala, mit der wir wieder abreisten. Beide sind Engländer und kennen die Situation seit Jahren, und beide blieben noch lange, nachdem es vor Anker gegangen war, auf dem Schiff, um später in aller Ruhe an Land gehen zu können.

Nikon D3200; Nikkor 18-105mm, F 3,5-5,6; 22(33)mm; F 7,1; 1/125 sec.; ISO 100

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