On the road in Malawi – Unterwegs in Malawi

Nikon D3200; Nikkor 35(52)mm, F 1,8; F 7,1; 1/500 sec.; ISO 100

On the road in Malawi – Unterwegs in Malawi

Malawi ist laut jüngstem Human Development Index (Vereinte Nationen) eines der ärmsten Länder der Welt, geplagt von ungebremstem Bevölkerungswachstum einhergehend mit Überbevölkerung, von Versorgungsengpässen und Mangelernährung, von Bodenerosion aufgrund von flächendeckendem Kahlschlag sowie von jahrzehntelanger Ausbeutung und Unterdrückung durch die eigene autoritäre Führung und westliche Profiteure. In der Hauptstadt Lilongwe ist diese Situation besonders spürbar, abertausendfache Landflucht verstärkt vor allem in den Städten den Druck. Als „Kleinunternehmer“ fristen die Bewohner oftmals mit Handlangerdiensten oder beim Verkauf der kärglichen Erträge auf dem Markt ein perspektivloses Dasein. Rund um Busbahnhof und Markt kommen diese Gestrandeten jeden Morgen zusammen, um sich einen weiteren Tag über Wasser zu halten.

Referring to the latest United Nation´s Human Development Index Malawi is one the world´s poorest countries, suffering from an uncontrolled increase of population, a population explosion, from an unstable food supply which leads to deficiency symptoms, from erosion because of widespread deforestation, from decades of exploitation and suppression, not only by it´s own dictatorial leaders but also by western profiteers. Lilongwe as Malawi´s capital shows all the signs of this situation. There is a rural exodus going on, thousands and thousands of people coming to the big cities all over the country. As „entrepreneurs“ they try to sell whatever they have on the local markets or do some kinds of services. Every morning the stranded gather together between Lilongwe´s main market and the bus station for the well-known struggle to survive another day.

„Lilongwe ist eine merkwürdige und gewöhnungsbedürftige Stadt“, so die diplomatische Formulierung unserer ersten Eindrücke von Malawis Hauptstadt. Später fügte ein weißer Sambier, der seit Jahrzehnten in Mzuzu, der Provinzhauptstadt des dünn besiedelten Nordens des Landes, lebt, noch seine viel deutlichere und offenere Einschätzung hinzu: „Lilongwe is a shithole, I hate this place!“ Dieser Meinung konnten und können wir uns nicht anschließen, doch verstehen können wir sie durchaus.
Als Malawi 1964 seine Unabhängigkeit erlangte, war Lilongwe noch eine Kleinstadt von etwa 20.000 Einwohnern. Es war der erste Präsident und faktische Diktator Malawis, Hastings „Kamuzu“ Banda, der die Notwendigkeit sah, Malawis Süd-Nord-Gefälle mithilfe einer zentralen Hauptstadt entgegenzuwirken und sich für Lilongwe entschied. Ab 1969 wurde Lilongwe schließlich vom Reißbrett aus in eine moderne Hauptstadt umgestaltet, wofür große Flächen gerodet und planiert werden mussten. Zum Ausgleich bemühte man sich, geschützte Naherholungsgebiete und Reservate im Stadtgebiet zu installieren, was zur bis heute existenten Weitläufigkeit Lilongwes führte. Leider durchmischten sich die einzelnen Stadtteile nie, und geblieben ist ein zerrissener Flickenteppich. Besonders die Geschäfts- und Regierungsviertel lassen jede Atmosphäre vermissen und wirken in etwa so charmant wie ein hiesiges Industriegebiet.
Aufgrund der starken Überbevölkerung, autoritärer Regierungen und dem schädlichen Einfluss von außen – besonders durch die verschiedenen Kirchen hinsichtlich Verhütung und Schutz vor dem grassierenden HI-Virus – ist Malawi heute eines der ärmsten Länder der Welt. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt nur wenig über 40 Jahre, was neben HIV auch der Malaria, dem Billharziose-Erreger und der kontinuierlichen Unterversorgung geschuldet ist. Mangelerscheinungen aufgrund einseitiger Ernährung sind überall im Land anzutreffen, von der medizinischen Versorgung ganz zu schweigen.
Natürlich führt all das zu Landflucht, da dort das Leben noch entbehrungsreicher ist und in der Stadt wenigstens die Hoffnung besteht, mit irgendeiner Art von „Geschäftsidee“ überleben zu können. Denn die Preise für Mais sind am Boden, und der abstruse, politisch motivierte Kampf westlicher Kulturen gegen das Rauchen bringt den Tabakproduzenten Malawi zusätzlich in immer größere Schwierigkeiten.
Die Armut und die Probleme der malawischen Gesellschaft können verdichtet rund um die Minibus-Station sowie den Markt entlang der Malangalanga Road am östlichen Ufer des Lilongwe River im Herzen der Stadt beobachtet werden. Dort landeten auch wir von Sambia kommend und wurden von einer Einheimischen rasch darauf hingewiesen, dass wir umgehend das Interesse von vier bekannten Langfingern, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf ihre Gelegenheit warteten, erregt hätten. Selbstverständlich gibt es daneben auch noch die Altstadt, die nicht einer gewissen Atmosphäre entbehrt. Wir sind uns allerdings einig, dass uns die große Armut, die in der Stadt immer noch schockierender wirkt, einen schalen Beigeschmack bereitet, der außerdem mit der eher offensiven Art und Weise der Malawier im Gegensatz zu der beinahe deutschen Zurückhaltung der meisten Sambier, die wir kennenlernen durften, zusammenhängt.
Obwohl wir auf unserer Reise Vertretern verschiedener Stämme und damit auch Kulturen – etwa der Tonga, der Lozi oder der Chewa – begegnen durften, hatten wir das Gefühl, in Malawi auf eine doch völlig andere Mentalität zu treffen als in Sambia. Dieses Gefühl konnte erst in Mzuzu im Norden des Landes relativiert werden. Darüber hinaus trafen wir in Malawi auf bedeutend mehr Weiße als in Sambia, von zahllosen Freiwilligen, die für medizinische Hilfsprojekte, für Agrar-Projekte, für wissenschaftliche Datenerhebungsprojekte arbeiteten, über die, die hauptberuflich für die EU, den IWF, Bibelschulen (auch deutsche) oder Artenschutzeinrichtung tätig waren, bis hin zu denen, die sich dort wirtschaftlich engagieren, was zumeist altmodische Ausbeutung bedeutet, etwa in Bergwerken oder durch die großflächige Abholzung ganzer Landstriche wie in den Viphya-Bergen. Manche volontieren für ein, zwei Jahre, andere nur drei bis sechs Monate, und wieder andere leben und arbeiten in Malawi auf unbestimmte Zeit, nicht selten für immer. Und dann gibt es noch die Weißen, die bereits in Afrikas Süden geboren wurden. Sie alle zusammen haben den unvermeidlichen Effekt, dass der Weiße generell gern als reines Geschäftsobjekt betrachtet wird, was vom Souvenir-Verkauf über die Bettelei bis hin zur Kriminalität reicht, da die Weißen stets mehr besitzen als die Einheimischen. Das heißt jedoch keineswegs, dass es nicht auch Einheimische gibt, die mehr besitzen als ihre Nachbarn und sogar als die Weißen. Ausbeuten kann grundsätzlich jeder, denn Gier kennt keine Hautfarbe.
Das Bild (0ben) zeigt eine morgendliche Straßenszene an der Malangalanga Road. Dort versucht jeder, sich mit irgendeiner Form von Handel oder Dienstleistung über Wasser zu halten, und wenn es bloß das Zerkleinern von Holz oder das Herstellen von Souvenirs aus Müll ist.

Geschäftszeit - Busy time, Jenda, Malawi

Geschäftszeit – Busy time, Jenda, Malawi

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3 Kommentare zu “On the road in Malawi – Unterwegs in Malawi

  1. Ein Freund war kürzlich dort zum Tauchen mit den Buntbarschen im See. Es scheint auch beim Handel mit den begehrten Cichliden nicht viel Ertrag bei den Einheimischen zu bleiben. Und das trotz der relativ hohen Preise der Zierfische im Aquaristik-Fachhandel.
    Gelungenes Foto, 🙂

    • docugraphy sagt:

      Vielen Dank! Ja, es ist traurig. Ich bin einen Monat lang von West nach Ost mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Sambia und Malawi, und obwohl in Sambia die Armut ähnlich groß ist, stellte sich die Situation in Malawi dem Reisenden als besonders schlimm dar. In Sambia hat man das Gefühl, das an den touristisch interessanten Orten die Einheimischen auch irgendwie davon profitieren, in Malawi war das eher selten der Fall. Der Bevölkerungsdruck ist da natürlich noch ungleich größer. Aber dort kann man auch noch immer klassische, kolonial geprägte Ausbeutung erleben, etwa in den Regionen der Kohleminen im Norden oder entlang der gigantischen Rodungsflächen zwischen Mzuzu im Norden und der Hauptstadt Lilongwe. Cichliden habe ich leider nicht einen einzigen gesehen, obwohl ich etwa zehn Tage an und auf dem See unterwegs gewesen bin. Es gibt sie zwar noch, aber Überfischung ist – obwohl die einheimische Fischerei auf dem Stand früherer Jahrhunderte ist (siehe https://docugraphy.wordpress.com/2013/10/08/fischer-auf-dem-malawi-see-fishermen-on-lake-malawi-malawi/) – auch dort ein massives Problem.

  2. docugraphy sagt:

    Hat dies auf docugraphy rebloggt und kommentierte:

    One of my favourites…

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